3 Decades Of Throwin‘ Down The Funk

Samstag 02.11.2019 – 19.30 Uhr – Mehrgenerationenhaus Wörth am Rhein

Prelude

In ihrem Roman „Sehr blaue Augen“ (1970) beschreibt die Nobelpreisträgerin Toni Morrison, wie den Weißen all das, was funky sein könnte, zum Zwecke von Abschottung und Auslese aberzogen wird: „The dreadful funkiness of passion, the funkiness of nature, the funkiness of the wide range of human emotion. Wherever this funk erupts, they wipe it away.“ Im deutschsprachigen Diskurs ist Funk ein blinder Fleck. Immer irgendwie präsent, wurde Funk nie so detailliert entschlüsselt wie Blues, Soul, R’n‘B oder Hip-Hop. Funk blieb irgendwie eine Geheimwissenschaft: komischer Humor, kosmische Konstrukte, manchmal ellenlange Jams, wabernde Gitarren- und rauchende Hammond-Riffs, zirzensische Synthie-Fanfaren, undurchdringliche Sprachspiele, alles zusammengehalten von massiven Basslinien und magischen Drumbeats.

Funkiness

Dr. Funky P. hat Funkiness gewinnbringend angewandt und 1989 gemeinsam mit seinem jahrelangen Weggefährten und Gitarristen Linus van Pelt das Projekt Annie Questions? als ein fehlendes Bindeglied zwischen Soul und Disco ins Leben gerufen. Oder als Glückskind aus einer Liebesaffäre zwischen James Brown und Jimi Hendrix. Oder auch als Scharnier im Kontinuum afroamerikanisch inspirierter Popmusik an der Schwelle zur Digitalisierung bzw. als Synthese vollfetter Rhythmen, elektrifizierter Sounds, elegischer Big Band Bläsersätze und afroamerikanischer Slang-Begriffe mit Wortwitz. Die Ahnung, dass Funk mehr mit dem Körper zu tun hat, oder mehr mit dem Körper tun kann, als die meisten anderen Spielarten populärer Musik, befeuerte die Neugier der Band dann nur umso mehr. Von nun an pflegte man gediegen den hippiesk geprägten Universalismus: „Who says white boys can’t play funk, Who says black boys can’t play rock“.

Gehörig Fahrt nimmt das Projekt bereits kurz nach der Gründung auf, als die sangesstarke Blondine Mary zur Gang stößt. Einige Zeit später folgt U.W.E., der als Saxophonist zunächst als Leader und Arrangeur der Brass-Section (seit 1999 in fester Formation mit Mr. Waterwheel, Thorsten und ACE besetzt) fungiert, eher er einige Jahre danach – gemeinsam mit dem kongenialen Drummer Tobias Schölles – als Bassist ins Fach der Rhythmusgruppe wechselt.

Annie Questions? waren und sind seitdem künstlerisch die „freaky Herausforderung schlechthin“ (O-Ton Dr. Funky P.). Alles andere zuvor, die musikalische Sozialisation von Funky P. (damals noch ohne Doktortitel) und Linus van Pelt (schon damals mit Wah Wah) in den 1980iger Jahren, dagegen nur eine mehr oder weniger „benutzerfreundliche Variante“ von dem, „was wir damals als Pop und Fusion wahrgenommen haben“. Stets war es künstlerisches Anliegen der Band, den Geist des geneigten Publikums derart zu befreien, dass der Body diesem schon folgen werde: „Free yourself an‘ your ass will follow“, forderte Dr. Funky P. im gleichnamigen Jam bereits 1989 unmissverständlich und unterstreicht so das utopische Versprechen vom Tanzboden als Schmelztiegel, vom universellen Groove, der gleichzeitig erlöst und vereint. Sich einfach mal ‚raustanzen aus den Engen des Lebens. Diese funkadelische Utopie hat sich gehalten, kein Wunder, die Engen des Lebens sind ja auch nicht weniger geworden. Der Groove als Motor der Befreiung, der Dancefloor als Spielplatz für alle, und die Unity als kraftvoller Sehnsuchtsort, als Chiffre für eine bessere Welt als die gegenwärtige. Diese Leitmotive wurde von Dr. Funky P. gerne in einem geräumigen Begriffscontainer verstaut: Goov-a-funk-en-force. Dass dabei die Grenzen zwischen Remix und Cover, Eigenkomposition und Adaption, Transkription und Translation verschwimmen, zeigt deutlich, dass solche Grenzen im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit obsolet sind. Als bräuchte es heute noch eine geografische Nähe zu den großen Musikmetropolen, um das zu erschaffen, was als kosmopolitischer Mood auf den Markt kommt und Herz, Bauch und Seele des Publikums berührt, wo doch gute Musik jeglicher Couleur längst auch in Herxheim bei Landau, in der Barockstadt Ludwigsburg, in Wörth am Rhein oder wo auch immer im Weltall produziert werden kann. Die Stallgeruch-Logik des Musikmarketings gehört zu den lässlicheren Sünden der grassierenden Identitätspolitik von heute. Ansonsten ist das alles frei nach George Clinton: superfunkadelisch.

Explorations Into Dancefloor Jazz

Die „Questions?“ begeben sich auf künstlerische Entdeckungsreise. Mit Authentizität und Spielfreude, Neugier und Leidenschaft an Experimenten verteilt man – stets unter souveräner Leitung des Maximo Lider – die kreativen Prozesse auf viele Schultern: Es entsteht ein bisweilen acht- bis zwölfköpfiges Künstlerkollektiv, das den auf traditionelle Songformen und Musikerrollen basierenden Funk und Soul in die Gegenwart katapultiert und darüber hinaus von vielen Einflüssen bestimmt wird. Und das generationsübergreifend: Denn seit 2018 zählt zum erweiterten Line-up – und auch beim Auftritt anlässlich des 30jährigen Bandjubiläums – Dr. Funky P.’s Tochter Marlene, deren außergewöhnliches Talent als Songwriterin und Frontfrau definitiv vom Vater vererbt wurde.

Stilistisch äußerst vielseitig umkreisen die „Clones Of Dr. Funky P.“ all das, was Soul, Jazz und Latin hergeben, aber auch den Boogie eines Eric Burdon und die Rockeskapaden von Glambands wie Led Zeppelin, sind ebenso Freunde der Hippie-Ära wie Liebhaber psychedelischer Exkurse. Die Streicherarrangements – zunächst von Keyboarder Armin Freiberg (*1961 – † 2011) Ende der 1990iger und in den Nullerjahren des neuen Jahrtausends eingeführt, später von dessen Nachfolger Christian Schega (seit 2011) elaboriert und weiter entwickelt – sind nicht nur herrlich süffigst („der Zuckerguss“, wie Gitarrist Linus van Pelt ausführt), sie unterfüttern und bereichern den Groove, die gesamte Palette klanglicher Möglichkeiten, ungemein. 

So richtig diese Zuschreibungen dabei auch sein mögen, so wenig erfassen sie allerdings die ganze hybride Glorie des questions‘schen Wirkens. Weitläufig wuchernd umfasst und inspirierte das kreative Œuvre der „Paradiesvögel des Funk“ neben der Stammbesetzung auch zahlreiche Projekte, Kollaborationen und Sidekicks der „One Nation Under A Groove Community“

Die Komplexität des questions’schen Schaffes, die Diversität der Einflüsse und die Vielzahl unterschiedlichster kreativer Inspirationsquellen kulminieren schließlich auf dem 2015 erschienenen Album „Annie Questions? w/ Strings“: Eines der treffendsten Beispiele für anspruchsvolle musikalische Unterhaltungskunst, wofür nicht zuletzt die hintergründige Eloquenz der beseelten Streicherlinien, deren gefühlvollen Cluster und virtuosen Läufe aus der Feder von Christian Schega sorgen. 

The Roots . .  .  From The Ground Up

Zurück zu den Ursprüngen hat man anlässlich des 30jährigen Bestehens des Musikkolletives auch folgerichtig genau den Veranstaltungsort gewählt, an dem alles begann: Das Mehrgenerationenhaus/Juze in Wörth, in dessen Katakomben man sich ehedem in 1989 erstmalig zum gemeinsamen Jammen getroffen hat.

Line Up

  • Dr. Funky P. \\ Leadvocals, Percussion
  • Mary \\ Leadvocals, Percussion
  • Linus van Pelt \\ Guitar
  • U.W.E. \\ Bass
  • Tobias Schölles \\ Drums
  • Mr. Waterwheel \\ Trumpet, Flügelhorn
  • Thorsten \\ Saxophone
  • ACE \\ Trombone
  • Christian Schega \\ Keyboards
  • Marlene \\ Lead- & Backingvocals, Percussion